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K.aF.ka fragment

K.aF.ka fragment

Spielfilm von Christian Frosch, A/D 2001, 85 min, 35mm, Farbe/S&W

„Seit seiner ersten Begegnung mit Felice fühlt sich der Vegetarier Kafka angezogen von ihren fleischigen, blutreichen Armen und abgestoßen von ihren Goldzähnen (...) Doch während er sie betrachtet, kommt er zu der Entscheidung, zu schreiben, sehr viel an sie zu schreiben.

(...)

In Kafka steckt etwas von Dracula, ein Dracula durch zahllose Briefe, die ebenso viele Fledermäuse sind. Er durchwacht die Nächte und schließt sich tagsüber in seinem Büro-Sarg ein:  Die Nacht ist noch zuwenig Nacht (...)

Kafka-Dracula hat seine Fluchtlinie in seinem Zimmer, auf seinem Bett, und seine Kraftquelle liegt weit entfernt in dem, was seine Briefe ihm zutragen. Er fürchtet nur zwei Dinge: das Kreuz der Familie und den Knoblauch der Ehe. Die Briefe sollen ihm Blut zuführen, und das Blut gibt ihm die Kraft zum Schaffen. (...) Er nennt sein Schreiben einen  Lohn für Teufelsdienst. Kafka erlebt seinen mageren, blutarmen Körper nicht als Schande, er tut nur so. Er lebt ihn als Mittel, um auf dem Bett in seiner Kammer Schwellen zu überschreiten, Verwandlungen durchzumachen, wobei jedes Organ  unter separater Bewachung steht- immer vorausgesetzt, dass man ihm Blut zuführt. Ein Strom von Briefen für einen Strom von Blut."

( aus: Kafka- für eine kleine Literatur von Gilles Deleuze/ Félix Guattari)

Regie:
Christian Frosch
Drehbuch:
Christian Frosch
Kamera:
Johannes Hammel
Schnitt:
Christian Frosch
Ton:
Peter Roigk
Musik:
VOOV
Besetzung:
Lars Rudolph (Rolle des K.), Ursula Ofner (Rolle der F.)
Ausstattung:
Annette Deutschmann
Kostüm:
Sibylle Gänßlen-Zeit
Produktion:
Hammelfilm, Johannes Hammel (Wien)
Co-Produktion:
Konrad/Froschfilm, Berlin
Mit Unterstützung von:
BKA, WFF, Medienförderung Baden- Württemberg, NÖ-Kultur, Akademie Schloß Solitude, S. T. Johnson

Auszeichnung

  • Special Jury Prize - Int. Filmfestival Sochi 2001 (Russland)

Manifest

FÜNFZEHN FRAGMENTE ZU K.aF.ka fragment

II III IV V VI VII VIII IX Dream: X Art: XI XII XIII XIV XV

  1. The cinema is a machine much too incredible to merely be left to the realists and the storytellers!
  2. Content: "... where form isn't the clothing of thought but its body..." - what Kraus said about writing is especially true about the language of cinema.
  3. "An axe smashing into the frozen sea within us!" - what Kafka demanded from literature is also valid for film.
  4. Kafka: a German-speaking Jew in Prague. A minority within a minority. All major cultural events originate from the periphery.
  5. Avantgarde: a phrase from the military, meaning those who are first to go to battle. The Avantgarde are the canon fodder of the gernerals. The true history of cinema would probably be made by the deserters. Cinema is not war, but refusing to obey orders.
  6. Progress! Too much has be said about the new possibilities that new technologies will offer cinema, and too little consideration given to the possibilities destroyed by the same technology. An example: the digital pixel compared to the film grain, a relationship like a painter's brush stroke versus the airbrush. Progress?
  7. Nevertheless: use the new technology. But go against the flow.
  8. Strange analogy: Kafka remarked that a letter is a hermaphrodite, made up of presence and distance. In the darkness of a movie theater you are at once free from the world yet very close to it. Letters are more similar to cinema than novels are, due to the attraction of their immediacy.
  9. Dream: it has often been claimed that the state of mind in a movie theater is similiar to that of a dreamer: immobility of the body, but active productivity of the mind. It ws no coincidence that Goebbels forbid the use of dream sequences, since dreaming meant loss of control. Cinema offers a promise of freedom which can invoke fear. The script editors who pretend that there are strict dramatic rules are nothing more than the police of the unconscious. Why not accept the fact that one third of our life is spent out of control? It could be a task of the cinema to propogate this idea.
  10. Art: contemporary cinema doesn't need a Propaganda Minister in order to keep it uniformly under control. There is, after all, the "free market".
  11. Free Market: you go to the movie theater to be surprised. Investors do not want surprises, they prefer tested recipies. Not only does the well-known conflict between creative talent and producers exist, but also the natural hostility between the public and the investors.
  12. "The art object, like any other product, creates a public that is art-interested and capable of appreciating beauty. The production therefore doesn't manufacture an object for the subject but produces a subject for the object" (Marx/Engels Works, Bd 13, S.624)
  13. Conflict: to lose oneself in the cinema, to disappear into the big screen, melting into the projected images with one's own projection... whereas the television radiates out. You expect to be served by your TV, if only to distract your gaze on the way to the refrigerator. Simply because films are sometimes shown on TV still doesn't mean that the two processes have the same expectation. They are fundamentally different. Compatability is treason.
  14. History: how to translate historical texts? Either transfer the material into the present and betray the historical context, or stage a costume film and turn the current revelence of the material into something trivial? Why not create the necessary distance through historical film processes while simultaneously interpeting its form in a modern sense? To make film history productive is the opposite of nostalgia.
  15. Conclusion: Forget all golden rules! With every film you must re-invent and re-dicover cinema.

Presse

"FIEBRIG, VERSTÖREND, SURREAL"
blimp
"Ein ambitioniertes Projekt im Meer der Massenware, ein Drama, das den Sehnerv strapaziert- die Mühe jedoch mit Einsichten in die zerrissene Psyche belohnt."
Cinema
(...)Einmal wird der Schreiber zum Insekt, dann kratzt er an der Wand, um ein Loch zu schaffen auf die wirkliche Welt. (")Die Bilder sind vom Stummfilm gezeichnet, Lulu, Caligari, Nosferatu...Nur die allergrößten Mythen, damit die Anleihe gerechtfertigt ist. Und damit die Leiden des jungen Kafka schmerzhaft und lächerlich zugleich wirken. (")Ein Phantomfilm in der Tradition von Dreyers beispielhaftem "Vampyr" - wo das Phantastische, das Gespenstische nicht vom Dargestellten kam, sondern von der Manier, wie die Einstellungen zusammengebaut wurden. Wie sich eine Einstellung verändert, so Dreyers berühmte Defination, wenn man weiß, es liegt eine Leiche hinter der Tür."
Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung
(") Faszinierend viel Atmosphäre im acht Millimeterformat. (")Visuell interessantes Kunstkino..."
Gunda Bartels, Tagesspiegel
"Abgründige Themen verlangen nach einer abgründigen Umsetzung und so ist K.aF.ka fragment keine geradlinige Erzählung der Geschichte zwischen Kafka und Felice, sondern eine assoziative Folge von bizarren Traumsequenzen. . Lars Rudolph, der Schauspieler mit dem Hang zu leicht irren Figuren spielt seine Virtuosität voll aus. Ursula Ofner als F. ist nicht minder ausdrucksstark, dies aber auf eine minimalistische Art. Ob sie einen Apfel schält, eine Straße entlang geht oder einfach nur wartend im Zimmer sitzt: ihre Augen erzählen eine Geschichte."
Märkische Allgemeine
(...)(Froschs) Film kommt nicht als Demontage oder gar moralische Bezichtigung eines allgemein anerkannten Künstlers daher, sondern als höchst individuelle Liebeserklärung. "K.aF.ka fragment" stellt sich selbst nicht anders dar als einen Brief. Und Frosch teilt diesem Brief das Wertvollste mit, was er seinerseits als Künstler zu bieten hat: seine eigene Kreativität. Mehrere Jahre montierte er das ursprünglich auf Super 8 gedrehte Material, suchte nach Bild und Tonlösungen, die dem Stoff adäquat waren, ohne Kafka zu entmündigen...(...) Indem der Filmemacher seinen Kafkafilm als Gegenentwurf zum selbstzufriedenen Ausstattungskino inszeniert, rettet er das Thema. Sehenswert."
Claus Löser, Filmdienst
"Ein bewegender Film, ein ausgezeichneter Film, eine Perle unter der allgemeinen Bilderflut jenseits des Erzählkinos. Hier wurden Bilder neu erfunden und das macht den Film zu einem Kunstwerk. Unbedingt anschauen."
G. Wilhelmy, Shoah.de
(...)das Problem dieses Films ist weder Kafka noch Felice, es ist vielmehr eine Wechselbeziehung von Empfindung und Erfindung. Das Bild der Geliebten entsteht aus dem Text, aber es verweigert sich ihm auch. So entsteht eine Bilder-Oper über einen Briefwechsel-Text, ein Versuch darüber, wie ein Text in der Welt der Empfindungen wirkt. Wir sehen zu, wie ein literarisches Objekt und zugleich ein filmisches Objekt erzeugt wird und verloren geht. Beides geht nicht ineinander auf, beides konstruiert Wirklichkeiten zwischen Entfernung und Gegenwart.. Kafkas Text, dem ein Film entspricht, ohne sich ihm unterzuordnen, ist die Gegenwärtigkeit eines entfernten Menschen und die Entfernung eines gegenwärtigen Menschen. Daher handelt diese Bild-Text zum einen von einer unglücklichen Liebe, an der man als Subjekt kaputtgehen kann und sie handelt von der Grammatik von Literatur und Film."
Georg Seeßlen, epd Film
"Aus rätselhaften Traumbildern und verstörenden Sound- und Bildcollagen entstand ein anspruchsvoller, teils sperriger Film, der sich gegen übliche Sehweisen wehrt und sich auf einer assoziativen Ebene dem Universum Franz Kafkas nähert."
Jasmin Herzog, Märkische Oderzeitung
(...)das surreale Bilderbombardement, dem K. ausgesetzt wird, wirkt immer dann besonders stark, wenn offen bleibt, welcher idee fixe sich ein Ausraster des Protagonisten verdankt. Etwa wenn der getriebene K. mit einem Stuhl die Wände seines Gefängnisses namens Schreibstube traktiert, während sich Hirngespinst F. lächelnd und unerreichbar auf dem Fußboden eines anderen Zeit-Raumes fläzt und spreizt. Es steht dem Film gut an, dass er die Tragödie des K. ein ums andere Mal in eine Farce kippen lässt, um die Beklemmung zu brechen. Insofern gilt Kafkas berühmter Tagebucheintrag "Im Kino gewesen. Geweint. Maßlose Unterhaltung. Vorher trauriger Film, nachher lustiger" auch für dieses Fragment."
Hendrik Werner, Berliner Morgenpost
(..)Christian Frosch ist ein Landsmann Kafkas und kennt sich mit der für Kafka prägenden K.u.k.-Mentalität bestens aus. Sein Film arbeitet konsequent assoziativ, findet dabei eindringliche Ton- und Bildlösungen. Vor allem macht er Lust auf eins: Kafka lesen."
Tip
(...)Wie rätselhafte Traumbilder erscheint das Geschehen auf der Leinwand und formt sich zu surrealen Szenarien, zu verstörenden Sound- und Bildcollagen. Die emotionale Befindlichkeit des Briefeschreibers, der vom kongenialen Lars Rudolph dargestellt wird, materialisiert sich in einer bedrohlichen Umgebung und lässt den Protagonisten durch imaginäre Räume und Landschaften taumeln. (...) K.aF.ka fragment ist, in der Art wie er mit konventionellen Hör- und Sehgewohnheiten bricht, eine ungewöhnliche und spannende Erscheinung auf dem österreichischen Spielfilmsektor."
Andrea Pollach, Ray
(...)Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen." Christian Frosch glaubt offenbar, dass selbiges auch fürs Kino gilt. Er hat eine Kafka-Collage auf die Leinwand gebannt, die weh tut, verstört und den Gesetzen eines rätselhaften Kunstkinos gehorcht (...)Meistens laufen Bild und Text auseinander, mitunter treffen sie sich - in solchen Momenten gerät die Leinwand ins Wanken und Kafka kippt aus dem Bild. Frosch hat einen hintersinnigen Kommentar geschaffen, allerdings nur für Kenner."
Zitty
(...)Froschs subtile ästhetische Grundidee gehört zum Gelungenen: der gedrosselte Kontakt zwischen zwei Menschen, die sich vorerst nur schreiben (nicht einmal zu telefonieren erlauben sich Kafka und Bauer), findet in der filmischen Umsetzung seine Entsprechung: Ton und Bild sind entkoppelt; sie geben scheinbar ungern vage Informationen preis. Der Zuschauer muss sich seine Vorstellung von den Figuren selber zusammenfügen. Das Medium rückt auf diese Weise vor die Bedeutung, die es zu tragen hätte. Es findet keine Begegnung zwischen den Menschen, höchstens eine zwischen den Bildern, Tönen - bei Briefen eben den Worten - statt. Etwas anderes wollte Kafka vielleicht nie."
Ulrich Seidler, Berliner Zeitung
(...)der Film wird dem Anliegen gerecht, Kafka als einen Literatur-Besessenen zu zeigen, der den Zustand des Verliebtseins nur über das Schreiben kennen lernte, und es als unerträglich empfand, mit jemandem zusammenzuleben. Der Regisseur war gut beraten, die komplexe Beziehung zwischen dem berühmten Prager Schriftsteller und der Berliner Bürgertochter nicht im klassischen Sinn zu verfilmen. Dank ungewöhnlicher, überraschender Kompositionen gelingt eine Studie, die viele Interpretationen zulässt, und die Frosch selbst bescheiden als "Anordnung zu Kafka" bezeichnet."
BpB
(...)Ein bewegender Film, ein ausgezeichneter Film, eine Perle unter der allgemeinen Bilderflut jenseits des Erzählkinos. Hier wurden Bilder neu erfunden und das macht den Film zu einem Kunstwerk."
Ruhr Express
Christian Froschs neuer Film "K.aF.ka Fragment" setzt die gute alte Mann-Frau-Literatur-Produktionsmaschine ins Bild. (...)In Super-8-Abstraktionen und schwankenden Doppelbelichtungen stolpert Lars Rudolph als K. traumverloren durchs Bild. Ursula Ofner als F. ist mal die verführerische, mal die kühle Muse. Auf der Tonspur zittern die Atmosphärenklänge von Voov, kontrastiert mit den Passagen aus Kafkas Briefen. (...)Trotz dezidiertem Kunstanspruch aufs Große und Ernsthafte findet "Totale-Therapie"-Regisseur Frosch noch Zeit für ironische Selbstdistanzierung."
Dietmar Kammerer, Junge Welt
"(...)Von bestechender, visueller Kraft. Lohnend."
Hub, Die Presse, zum Kinostart 29. 03. 2002
"(...)Ein verstörender Film über eine verstörte Seele. Exzessive Wachtraumsequenzen charakterisieren das Wesen Kafkas mit seinen Ängsten, seiner Selbstentfremdung. Ein interessantes Experiment mit starker Aussage."
L. Ch., Wiener Zeitung, zum Kinostart 29. 03. 2002
"(...)Froschs erklärtes Ziel, keine Kafka-Verfilmung zu gestalten - eher handelt es sich um einen Film mit und noch mehr über einen mehrdeutigen "Kafka" - ist definitiv aufgegangen: Bei aller Sperrigkeit ist dieses mutige Unterfangen ein sympathischer Gegenentwurf zur gängigen Praxis der Literaturverfilmung. Eine Gratwanderung zwischen rätselhaftem Lyrizismus und direkt in den Filmkader gepresster Verzweiflung."
Hub, Die Presse, 30. 03. 2002